Nach 35 Spieltagen war Rot-Weiss Essen auf Kurs Richtung 2. Bundesliga. Nach 36 Spieltagen ist nichts mehr, wie es war. Drei Spiele, 13 Gegentore, null Punkte – und ein 1:6-Debakel bei der U23 des VfB Stuttgart, das als „Systemabsturz“ in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Die Stimmen aus den Podcasts „Podbolzer“ und „4:3“ zeichnen das Bild eines Teams, das dem Druck nicht gewachsen war – und einer Führungsetage, die sich gerade selbst demontiert. Ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart die ganze Tragweite: Unter Trainer Uwe Koschinat erlebt RWE seine defensiv schwächste Saison seit Jahrzehnten.
Der Super-GAU in Großaspach
Was am Samstag im Stadion in Großaspach passierte, war weit mehr als eine Niederlage. Es war eine öffentliche Selbstzerlegung. „Ein Systemabsturz, wie ich ihn selten erlebt habe“, sagte Thomas Wagner im Podcast 4:3. Der Kollege Steven Rupprecht vom Podbolzer sprach von einer „Bankrotterklärung“: „Die sind viermal alleine von der Mittellinie auf Jakob Golz zugelaufen. Mit dieser Defensive kannst du nicht aufsteigen.“
Das Ergebnis: 1:6. Dabei hätte es laut Rupprecht sogar noch höher ausfallen können, „wenn Stuttgart nicht ein bisschen Tempo rausgenommen hätte“. Nach der 3:5-Niederlage in Cottbus, bei der man in der 72. Minute noch mit einem Bein in der zweiten Liga stand, und dem Heimdesaster gegen Saarbrücken ist Essen nun das, was im Fußball am schmerzhaftesten ist: ein psychologisches Wrack.
Das große Tabu: Die Defensive
64 Gegentore nach 36 Spieltagen – das ist Abstiegsniveau. Zum Vergleich: Meister Osnabrück kassierte in der Rückrunde allein nur neun Tore. Die Essener Defensive um Spieler wie Schulz, Alonso und Koska wirkte in Stuttgart „vogelwild durcheinander“, so Rupprecht.
Das Problem: Die Sechserposition war nicht abgesichert. Mit Ruben Reisig und Torben Müsel standen zwei Spieler im Zentrum, die „ihre Position verlassen haben“ und immer nach vorne stieben. Ein Loch entstand – und Stuttgart spielte „die Bälle nur noch hinter die Kette“. Die logische Konsequenz: ein Offensivspieler wie Justin Deal lief alleine auf Golz zu, Tor um Tor fiel.
Besonders schmerzhaft: Die Verantwortlichen sahen es kommen. Klaus Jasula fehlte verletzt – laut Rupprecht „der einzige Spieler, der nicht zu ersetzen ist“. Jasula hätte in dieser Drucksituation mit taktischen Fouls und seiner Erfahrung eingreifen können. Die jungen Spieler taten es nicht.
Die mentale Bruchlandung
Was den Essener Niedergang so besonders macht, ist die Geschwindigkeit. Bis zur 72. Minute in Cottbus war man aufgestiegen. Dann passierte das Unfassbare: 3:1-Führung weg, Spiel verloren. Seitdem ist die Mannschaft ein einziges Nervenbündel.
Tobi Schäfer (4:3) analysierte: „Das ist jetzt ein Kopfproblem. Die haben richtig Schiss, etwas zu verlieren.“ Steven Rupprecht ergänzte: „Sie haben sich in drei Spielen alles weggeworfen, was sie sich in 35 Spielen aufgebaut haben.“
Selbst die Fans, die das Team nach dem 1:6 in Stuttgart noch mit Standing Ovations verabschiedeten, können nicht darüber hinwegtäuschen: Diese Mannschaft ist mental am Boden.
Trainer Koschinat: Sündenbock oder Opfer?
Uwe Koschinat, der die Mannschaft in der Vorsaison noch aus dem Abstiegskampf führte und zwischenzeitlich sieben Spiele in Serie gewann, steht nun massiv in der Kritik. Zu Recht? Die Podcaster sind sich uneinig.
„Es liegt in diesem Fall wirklich nicht am Trainer“, sagte Thomas Wagner. Man habe die gleiche Mannschaft, die jetzt zerbreche, vor drei Wochen noch für ihre Stabilität gefeiert. Rupprecht pflichtete bei: „Uwe Koschinat ist die ärmste Sau an der Linie.“ Die Spieler müssten sich an die eigene Nase fassen.
Doch die Frage schwebt im Raum: Erreicht Koschinat die Kabine noch? Ein Machtwort aus der Führungsetage blieb aus. Sportlicher Leiter Markus Stegmann stellte sich hinter den Trainer – aber ohne die übliche Floskel: „Er wird auch am nächsten Samstag auf der Bank sitzen.“ Das lässt Raum für Spekulationen.
Unprofessionelle Begleitmusik
Das Debakel auf dem Platz wird von verstörenden Vorgängen abseits des Rasens begleitet. Mark Nikolai Pfeifer, eine Führungsfigur des Vereins, sprach in einem öffentlichen Format über Marcel Costly (FC Ingolstadt), lobte dessen Qualität und deutete Interesse an. Ein No-Go, wie die Podcaster einhellig befanden.
Jannik Bakic sagte: „Das ist unseriös, unkollegial – und gehört sich einfach nicht.“ Tobi Schäfer ergänzte: „Wie kann man das ausspielen? Das ist eine Unverschämtheit.“ In einer Phase, in der es um den Zusammenhalt geht, wirkt die Führungsetage so zerrüttet wie die Abwehrkette.
Historischer Tiefpunkt unter Koschinat
Die Zahlen der aktuellen Spielzeit sprechen eine vernichtende Sprache. Mit 64 Gegentoren in 36 Spielen hat Rot-Weiss Essen unter Koschinat eine defensive Schwäche offenbart, die in der jüngeren Vereinsgeschichte ihresgleichen sucht.
Die Statistik belegt: In der Bundesliga-Saison 1966/67, als RWE als abgeschlagener Letzter abstieg, kassierte man lediglich 53 Gegentore . Selbst in der Regionalliga-Saison 2006/07, die mit einem weiteren Abstieg endete, war die Defensive nicht annähernd so löchrig. Die aktuellen 64 Gegentore sind mehr als in jeder bekannten Spielzeit der letzten 60 Jahre.
Hinzu kommen die jüngsten Ergebnisse: Das 1:6 in Stuttgart markiert nicht nur einen Tiefpunkt dieser Saison, sondern reiht sich ein in eine Serie von desaströsen Defensivleistungen. In den letzten drei Spielen kassierte RWE 13 Gegentore – eine Quote, die selbst in Abstiegssaisons ihresgleichen sucht. Die Mannschaft stellt zudem mit 14 verschuldeten Elfmetern einen negativen Ligarekord auf .
Der Vergleich mit der Vorsaison fällt ebenfalls vernichtend aus: Während RWE 2024/25 in der Rückrunde noch 39 Punkte holte, stehen in dieser Spielzeit nach 36 Spieltagen nur 30 Punkte in der Rückrunde zu Buche – bei einer deutlich schlechteren Tordifferenz (38:34 gegenüber 32:20). Die Entwicklung unter Koschinat ist nicht nur stagnierend, sondern klar rückläufig.
Die historische Einordnung ist eindeutig: Noch nie in den letzten 60 Jahren stand Rot-Weiss Essen defensiv so schlecht da wie in dieser Saison unter Uwe Koschinat.
Der Blick auf die Tabelle: Ein Resthoffnungsschimmer?
Rechnerisch ist noch nichts verloren. Zwei Punkte trennen Essen von Platz 2 (Cottbus/Duisburg). Das Restprogramm: zu Hause gegen Freiburg II und Ulm. Nur: Die Konkurrenz patzt wohl nicht beide Male. Und dann wäre da noch der SC Freiburg II – der Angstgegner. „Freiburg hat noch kein Spiel gegen Essen in der 3. Liga verloren“, erinnerte Rupprecht.
Steven tippte 2:1 für Essen, Sven hingegen 3:0 für Verl. Das Lager ist gespalten – so wie die Mannschaft selbst.
Fazit: Absturz mit Ansage? Oder Wendepunkt?
Am Ende bleibt das Gefühl einer riesigen verpassten Chance. „Wenn RWE am Ende nicht aufsteigt, dann dürfen alle Sachen auf den Tisch kommen – von ganz oben bis in die Kabine“, sagte Tobi Schäfer. Dann würde nicht nur der Trainer hinterfragt, sondern die gesamte sportliche Leitung.
Die historische Dimension des Defensivdebakels unter Uwe Koschinat wird dann im Mittelpunkt der Analyse stehen. Ein Trainer, der mit einem der teuersten Kader der Liga eine der schlechtesten Defensivbilanzen der Vereinsgeschichte produziert, hat seinen Kredit verspielt. Die Frage ist nicht mehr, ob Konsequenzen gezogen werden, sondern wie drastisch sie ausfallen.
Doch noch gibt es zwei Spieltage. Rupprecht appellierte an die Essener Fans: „Ordnet es immer wieder ein. Es ist und bleibt nur Fußball.“ Aber für einen Verein, der so nah dran war, ist das nur ein schwacher Trost.
Rot-Weiss Essen steht vor dem Abgrund. Ob das Team zurückkommt oder endgültig abstürzt – das wird der 37. Spieltag zeigen. Eines ist sicher: So wie in Stuttgart darf es nie wieder aussehen
