Die ehemalige Jugendarrestanstalt am Wesselswerth 10 in Essen-Werden wird zu einem Studierendenheim umgebaut. Da kommen Erinnerungen hoch. Klaus Vogeler war von 1968 bis 2003 Jugendrichter und hatte regelmäßig Dienst in der Arrestanstalt.
Der 86-Jährige erinnert sich: „Ich war für das Wohlergehen der Delinquenten zuständig, die waren zwischen 14 und 21 Jahre alt. Ich habe mit ihnen über ihre Taten gesprochen. Das waren keine großen Schandtaten. Kleine Schlägereien, Drogendelikte, Ladendiebstähle, Schwarzfahren, sowas.“
Am Amtsgericht Essen-Mitte anfangs Zivilsachen bearbeitet
Als junger Jurist fing Vogeler beim Landgericht an und wechselte bald zum Amtsgericht Essen-Mitte: „Zivilsachen, also Bau und Blech und Boden.“ Wenig spannend. Als er gefragt wurde, ob er nicht Jugendrichter werden wollte, griff er zu: „Ich hatte zwar keine Ahnung vom Jugendrecht. Aber ich hab’s gewagt und war zuständig für die Nachnamen mit den Anfangsbuchstaben D, F, P und Z, später auch S und Sch.“
Essener Richter setzte auf pädagogische Wirkung statt Strafe
Der Jugendarrest zielte damals nicht auf Strafe, sondern auf eine pädagogische Wirkung, und tut es noch heute. Der kurzfristige Freiheitsentzug soll den jungen Menschen eindringlich zum Bewusstsein bringen, dass sie für das von ihnen begangene Unrecht einzustehen haben. Klaus Vogeler lächelt: „Ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit.“ Die straffällig gewordenen Jugendlichen sollten künftig „eigenverantwortlich“ und ohne weitere Straftaten leben.
Die ehemalige Jugendarrestanstalt in Essen-Werden wird zum Studierendenwohnheim umgebaut. © FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
Im Essener Jugendarrest im Wesselswerth saßen nur Jungen
Betreut wurden die jungen Menschen, die am Wesselswerth fürs Wochenende einrücken mussten, von einem Justizbeamten, so Vogeler: „Über viele Jahre war das Alfred Rogge, der wohnte auch da. Er sprach nicht viel. Doch er hatte seine Jungs im Griff. Es gab nur Knaben, die Mädchen waren woanders untergebracht. Der länger dauernde Arrest wurde in Essen-Borbeck durchgeführt.“
Längerer Arrest wurde in Essen-Borbeck verbüßt
Als „Vollzugsleiter“ war jeweils ein Jugendrichter zuständig: „Wir waren zu siebt, also hatte man in regelmäßigen Abständen Dienst in Essen-Werden. Wenn ich da am Samstagmorgen ankam, lagen schon fein säuberlich zehn Pakete da. Darin waren die Urteile, ein Lebenslauf, auch eine Stellungnahme der Jugendgerichtshilfe, zum Beispiel zu den Familienverhältnissen. Damit wir gezielter entscheiden konnten, welche Maßnahme greift.“
Neben dieser ersten „freiheitsentziehenden Maßnahme“ wären das auch Kontaktverbote zu bestimmten Personenkreisen oder Betretungsverbote ominöser „Etablissements“ gewesen, so Vogeler: „Wir konnten denen so einiges verbieten.“ Nicht selten „saßen“ mehrere junge Menschen für ein und dieselbe Straftat ein: „Oft hatte ich ganze Gruppen da.“
Arrest als „Warnschuss“ Ein Jugendarrest wird in verschiedenen Formen verhängt: Freizeitarrest erstreckt sich auf ein oder zwei Wochenenden. Ein Kurzarrest kann sich über zwei bis vier Tage am Stück erstrecken. Der Dauerarrest beträgt mindestens eine und höchstens vier Wochen. Der „Warnschuss“-Arrest kann als Ergänzung zu einer zur Bewährung ausgesetzten Jugendstrafe verhängt werden, wenn der Richter meint, dass eine Bewährungsstrafe allein dem straffälligen Jugendlichen das Unrecht seines Verhaltens nicht deutlich genug vor Augen führen würde.
Samstags machte er also seine Tour durchs Haus: „Ich bin von Zelle zu Zelle, mit dem schweren Schlüssel in der Hand.“ Jeweils eine halbe Stunde habe er sich Zeit genommen für die einzelnen Delinquenten: „Erzähl mal.“ Das sei oft gut angekommen: „Sonst war ja nix los. Außer mir kamen nur noch die Pfarrer ins Haus.“
Ich habe mir für jeden Straftäter eine halbe Stunde Zeit genommen. Das kam gut an bei den Jugendlichen. Klaus Vogeler, Ehemaliger Jugendrichter
Im Arrest gab es nichts. Vergitterte Fenster, Toilettentöpfe, Waschbecken, eine Pritsche. Die Zellen waren winzig. Sie hatten nicht mal Steckdosen. Die betont „reizarme“ Umgebung im Arrest sollte genutzt werden, um zu reflektieren, sich mit der Straftat, aber auch mit ihren Ursachen auseinanderzusetzen. In aller Ruhe. Es gab weder Fernseher noch Smartphones.
Dazu passt eine Erinnerung aus dem benachbarten Jugendzentrum. Gerd Dubiel war Essens erster Jugendkulturbeauftragter: „Die Arrestzeit begann damals freitagsabends spät und endete montagmorgens sehr früh.“ In den Achtzigern habe im Jugendzentrum freitags häufig eine Disco, wie es damals noch genannt wurde, stattgefunden.
Ganze 23 Jahre nach seiner Pensionierung blättert Klaus Vogeler noch immer in Gesetzessammlungen. © FUNKE Foto Services | Uwe Ernst
Dubiel muss schmunzeln: „Nicht selten stand im Verlauf des Abends eine „arme Gestalt“ im Disco-Licht, meist mit kleinem Koffer in der Hand, die wir dann doch nicht am Amüsement teilnehmen lassen konnten, sondern den Weg in den ‚geschlossenen Bereich‘ im Hinterhof zeigen mussten.“
Klaus Vogeler erinnert sich an einen sonnengefluteten Innenhof: „An einer Mauer war es dermaßen warm, dass dort Kiwi-Pflanzen wuchsen. Die konnte man sogar ernten und essen. Das war in den 1970er Jahren super exotisch.“ Ebenfalls „exotisch“ war wohl für viele dieser jungen Menschen die Aufgabe, einen Aufsatz „Gedanken zur Tat“ zu schreiben: „Die haben sich einen abgebrochen.“
Essener Jugendrichter bearbeiteten jedes Jahr um die 1000 Fälle
Der Idee, hier ein Studierendenwohnheim einzurichten und dadurch das denkmalgeschützte Ensemble nachhaltig zu sichern, kann Klaus Vogeler durchaus etwas abgewinnen. So wäre „die Anstalt“ wieder für junge Menschen da.
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Wer verbotene Gegenstände wie Handys, Lebensmittel und Getränke in den Arrest einschmuggelte, musste mit Sanktionen rechnen. Der Fund von illegalen Substanzen, Drogen oder Waffen führte zu einer Anzeige, so Vogeler: „Einige sind auch abgehauen. Die mussten dann ein zweites Mal kommen.“
Die Zellen war winzig und nur spartanisch eingerichtet. © Dieter Michael | Dieter Michael
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Ob er einige dieser Jugendlichen später „vor Gericht“ wiedersehen und dann zu Haftstrafen verurteilen musste? Der 86-Jährige blickt entschuldigend: „Ich hatte jedes Jahr so um die 1000 Fälle, und das über mehr als 30 Jahre, da kann ich keine Einzelfälle erinnern. Aber ich fürchte, nicht jedem hat der Warnschuss gereicht.“